Boom der Trading-Apps: Große Gewinne oder Game over?

Schnell, einfach, digital: Mini-Programme, mit denen sich auf dem Smartphone mit Aktien und Fonds handeln lässt, werden immer populärer. Die Apps erleichtern den Einstieg in die Investmentwelt. Doch der Verbraucherschutz warnt davor, sich zu sehr von spielerischen Elementen ablenken zu lassen.

Juni 2021

Foto: ran Tantapakul/stock.adobe.com

Es ist viel los im virtuellen Forum: Einerseits werden Tipps gegeben und von Erfahrungen erzählt, andererseits wird mit witzigen Mini-Videos oder bunten Emojis reagiert. Doch wild diskutiert wird hier auf dem Internet-Dorfplatz Reddit nicht etwa über Stars, Kinofilme oder Computerspiele. Stattdessen geht es um das Wohl und Wehe von Wertpapieren: Wie schlägt sich die Aktie des Chipherstellers AMD, was ist von Elektroautobauer Tesla zu erwarten, wohin entwickelt sich der Kurs von Laserspezialist Microvision?

Der Ausflug in das Forum zeigt: Aktienhandel ist plötzlich cool. „2020 hat die Aktie die jungen Anlegerinnen und Anleger erreicht“, bilanziert das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Allein in Deutschland zähle der Verband im vergangenen Jahr 600.000 neue Anlegende unter 30 Jahren – eine Steigerung um fast 70 Prozent. Die Gründe für diesen Ansturm auf Wertpapiere seien vielfältig, so die Branchenexpertinnen und -experten: Im Lockdown langweilte sich mancher junge Erwachsene, dazu kamen günstige Einstiegskurse im vergangenen Frühjahr und „attraktive Smartphone-Apps“ befeuerten die Lust aufs Investieren, so das DAI.

Update für die Aktienkultur

Sogenannte Trading-Apps, mit dem sich per Fingertipp einzelne Aktien oder Fonds kaufen und verkaufen lassen, erleben einen Boom. Im vergangenen Jahr wurde zwischenzeitlich fast keine andere Anwendungsart häufiger heruntergeladen als die kleinen Handelsprogramme. Mit bunten Icons und einer eingängigen Benutzerführung konnten sie in kürzester Zeit hunderttausende Nutzerinnen und Nutzer gewinnen. Zu den populärsten Start-ups gehören etwa Robinhood, Smartbroker, Scalable Capital oder auch Trade Republic. Dieses Berliner Tech-Unternehmen, gerade einmal sechs Jahre alt, erhielt kürzlich 900 Millionen Dollar Wachstumskapital von Investoren und gilt nun als das wertvollste deutsche Start-up. Sie bezeichnen sich häufig als Neo-Broker, also als digitale Aktienmakler. Dazu kommen auf das Smartphone zugeschnittene Angebote von etablierten Banken.

Den Apps gelang in kurzer Zeit, woran die Finanzwirtschaft und Teile der politischen Landschaft seit langer Zeit arbeiten: Menschen davon zu überzeugen, einen Teil ihres Einkommens und Vermögens auch in Wertpapieren anzulegen. Denn trotz niedriger Zinsen auf Spareinlagen liegt Deutschland im internationalen Vergleich immer noch weit zurück, wenn es um die sogenannte „Aktienkultur“ geht. Vielen Neo-Brokern gelang es, die Einstiegshürden für den Aktien- oder ETF-Handel zu senken und die Beschäftigung mit dem Thema zu befeuern. Vor allem in digitalen Foren – wie etwa Reddit – tauschten sich die Nutzerinnen und Nutzer intensiv über Anlagemöglichkeiten aus. „So beginnt eine neue Generation offenbar, Vertrauen in Aktien zu fassen“, bilanziert etwa das Deutsche Aktieninstitut.

Balance zwischen Rendite und Risiko

Von dem Handel mit Wertpapieren versprechen sich einige der Anlegerinnen und Anleger deutlich bessere Renditen. Für besonders viel Aufsehen sorgten im Februar dieses Jahres die Spekulationen um die Aktie des US-Computerspielehändlers Gamestop. Getrieben durch eine Masse an einzelnen Nutzerinnen und Nutzern schwoll der Kurs kurzfristig extrem an – und setzte einige professionelle Investorinnen und Investoren unter Druck, die auf einen fallenden Kurs gewettet hatten. Einige posteten stolz Auszüge aus ihrem digitalen Depot und vermeldeten enorme Gewinne. Andere wurden unangenehm überrascht, weil verschiedene Neo-Broker zwischenzeitlich den Handel mit Gamestop-Aktien aussetzten und der Kurs wieder abstürzte.

Beobachter wie etwa die Verbraucherzentrale Hamburg mahnen daher zur Vorsicht:

„Der Handel mit Aktien und Optionen ist kein Spiel.“

Denn in den Trading-Apps lassen sich zum Teil auch komplexere Finanzprodukte mit wenigen Klicks kaufen, etwa sogenannte Put- oder Call-Optionen. Die versprechen hohe Renditen, bergen aber auch ein ebenso hohes Verlustrisiko.

Bunte Bilder, undurchsichtige Geschäftsmodelle

Eine Erhebung des Deutschen Aktieninstituts zeigt zudem, dass jüngere Aktienkäuferinnen und -käufer überproportional häufig einzelne Werte kauften. Fachleute raten dagegen gerade unerfahrenen Anlegerinnen und Anlegern eher dazu, Aktienfonds oder ETFs zu kaufen, die das Risiko breiter verteilen. Ein vermeintlicher Geheimtipp, aufgeschnappt bei Freunden oder im Forum, könne sich sonst schnell ins Gegenteil verkehren, warnen die Verbraucherschützer:

„Kleinanlegende sollten die Finger davonlassen oder allenfalls niedrige Beträge investieren, deren Verlust sie verkraften können.“

In die Kritik geraten sind einzelne Neo-Broker auch, weil sie digitale Tools nutzen, um zum Handeln zu motivieren. Denn häufig finanzieren sich die Start-ups durch eine Gebühr pro Transaktion. Je häufiger also ge- oder verkauft wird, desto besser für die Plattform – auch wenn viele Expertinnen und Experten eher zu langfristigen Anlagen raten. Denn wer über viele Jahre an Aktien oder Fonds festhält, dem tun kurzfristige Kursschwankungen nicht weh. Zudem fallen so die Transaktionskosten viel weniger ins Gewicht. Viele Neo-Broker hingegen bringen ihre Nutzerinnen und Nutzer dazu, in kurzen Abständen zu klicken und zu kaufen. Bei stark fallenden oder steigenden Kursen werden beispielsweise Push-Nachrichten auf den Smartphone-Bildschirm gesendet. Das kann den psychologischen Druck erhöhen, schnell einen Kauf oder Verkauf zu tätigen. Eine Studie der Universität St. Gallen wies zudem nach, dass die Nutzerinnen und Nutzer zu risikoreicheren Transaktionen tendierten. Professor Marc Arnold sagt:

„Es ist bedenklich, wenn die durch das Online-Trading erreichte Kundengruppe mit begrenzten finanziellen Mitteln zu höheren Risiken und somit zu einer Art Glücksspiel verleitet wird.“

Obwohl viele Apps also das schnelle und spontane Handeln ermöglichen, ist ein ausgeruhter Blick bei der Nutzung nötig. Das gilt besonders dann, wenn die Gebühren für den An- und Verkauf von Aktien komplett entfallen. Manche der Neo-Broker verzichten zu Beginn aus Marketinggründen darauf, bezahlt zu werden. Andere jedoch holen sich ihre Vergütung als Provision von Börsen oder Fondsanbietern – das sollten Verbraucherinnen und Verbraucher bei ihren Klicks im Hinterkopf haben. In Deutschland hat sich die Finanzaufsicht Bafin bereits einige Neo-Broker angeguckt, bislang jedoch noch keine systematischen Verstöße entdeckt. Das Gebaren des Finanz-Start-ups Robinhood rund um das Gamestop-Kursfeuerwerk führte dagegen zu einer Anhörung vor dem US-Senat. Die wurde von den jungen Aktien-Fans digital wiederum bei Reddit begleitet – samt Emojis und bissigen Kommentaren.

Das könnte Sie auch interessieren:

Sparkasse Newsletter

Unser Newsletter

Erhalten Sie mit unserem Newsletter einmal im Monat
spannende Informationen und hilfreiche Tipps.

Hier abonnieren

Magazin durchsuchen...

Unser monatlicher Newsletter

Hier abonnieren