Mit gutem Gewissen Geld anlegen

Nachhaltigkeit ist plötzlich in aller Munde. Auch an den Finanzmärkten liegt das Thema im Trend. Mittlerweile gibt es zahlreiche Möglichkeiten sein Geld nach ökologischen und sozialverträglichen Kriterien anzulegen.

Juni 2021

Foto: Stocksy/ Martí Sans

Essen im Restaurant bestellen und dann mitnehmen oder sofort auf einer nahegelegenen Bank verzehren – in der Pandemie ist das zum Alltag geworden. Ein schlechtes Gewissen macht allerdings vielen Menschen der Abfall, der dadurch entsteht und die Umwelt belastet. Das hat die Macherinnen und Macher des Kölner Start-ups simplymeal motiviert, nach umweltfreundlichen Alternativen zu suchen. Sie bieten Gastronominnen und Gastronomen sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern Einweggeschirr und -besteck an, das frei von Plastik ist und weitgehend aus Kleie besteht – einem Nebenprodukt, welches beim Getreidemahlen entsteht. Die Teller und Schalen weichen nicht so schnell auf wie Pappteller und benötigen wesentlich weniger Wasser für die Produktion. Und nach 30 Tagen hat sich das Geschirr komplett biologisch abgebaut.

Immer mehr Firmen beschäftigen sich mit Nachhaltigkeit

Nur ein Beispiel, das zeigt, wie viele Unternehmen in der Region Köln/Bonn an Maßnahmen arbeiten, um ihre Produktion umweltfreundlicher zu gestalten. Ob große Konzerne wie der Handelskonzern Rewe und der Autohersteller Ford oder kleine Start-ups – immer mehr Firmen beschäftigen sich mit Nachhaltigkeit. „Bei etablierten Unternehmen, indem sie versuchen, das Thema in ihre Geschäftsprozesse oder Lieferketten zu integrieren, bei vielen Start-ups, die Nachhaltigkeit zu ihrer Unternehmensphilosophie erklären oder als Geschäftsmodell direkt umsetzen“, beobachtet Michael Pieck, Pressesprecher bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg.

Ein Grund für diesen Trend: der fortschreitende Klimawandel und die zunehmende Ressourcenknappheit. Soll das Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens aus dem Jahre 2015 wirklich erreicht werden, sind in vielen Bereichen nachhaltige, zukunftsgerechte Lösungen erforderlich. In dem Abkommen haben sich 195 Länder dazu verpflichtet, die Treibhausgasemissionen nachhaltig zu reduzieren. So wollen sie dazu beitragen, den Anstieg der globalen Temperatur auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Christoph Groß, Nachhaltigkeitsexperte und Fondsmanager bei der Fondsgesellschaft LBBW Asset Management, sagt:

„Unternehmen, die für solche und andere Herausforderungen die passenden Produkte oder Dienstleistungen entwickeln, haben die Chance, Wachstumsmärkte zu erschließen und Wettbewerbsvorteile zu erlangen“

Jeder Betrieb ist allerdings gut damit beraten, seine Prozesse effizienter und damit energie- und ressourcenschonender zu machen. So sichert er sich auf lange Sicht Kostenvorteile – etwa wenn die Energiepreise noch weiter steigen als sie es in den vergangenen Monaten bereits getan haben.

Investoren und Geldgeber verlangen auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Projekte

Doch es gibt noch einen anderen Grund für den Trend in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Investorinnen und Investoren sowie Geldgeberinnen und Geldgeber machen zunehmend Druck. Sie verlangen immer öfter, dass die Projekte und die Firmen, die sie finanzieren, auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind – sonst gibt es kein Geld. Betroffen davon sind bislang vor allem Unternehmen, die am Kapitalmarkt Gelder aufnehmen, indem sie Aktien oder Anleihen ausgeben. Damit die Anlegerinnen und Anleger zugreifen, müssen sie zunehmend „grün“ sein.

 

Der Markt für Anlagen, die ethischen, umwelt- und sozialverträglichen Standards entsprechen, boomt. Zahlen des Forums Nachhaltiger Geldanlagen zufolge waren Ende 2019 in Deutschland knapp 270 Milliarden Euro nachhaltig investiert – ein Zuwachs von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei halten institutionelle Investorinnen und Investoren wie Pensionskassen und Stiftungen weltweit rund 90 Prozent sogenannter ESG-Anlagen (siehe Kasten). Zumindest in Deutschland holen die Privatanlegerinnen und Privatanleger aber rasant auf. So belegt es die Statistik des Fondsverbands BVI: Im vergangenen Jahr flossen nachhaltigen Publikumsfonds netto 20,6 Milliarden Euro an neuen Gelder zu. Im gesamten Jahr 2019 waren es lediglich 8,2 Milliarden. „Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen“, erwartet Ulrich Keipert, Leiter Business Development & Nachhaltigkeit bei LBBW Asset Management. „Dazu trägt die gesellschaftliche Debatte um die Folgen des Klimawandels bei.“

Was ist ESG?

Wenn es um nachhaltige Geldanlagen geht, kommt fast automatisch die Abkürzung ESG ins Spiel. Die Abkürzung steht für die englischen Begriffe „environment“, „social“ und „governance“ – frei übersetzt: umweltverträglich, sozialverträglich und verantwortungsbewusst. Das Konzept, mit diesen drei Kriterien nachhaltige Geldanlagen zu beschreiben, ist mittlerweile fest etabliert.  

„Nachhaltige Investments bieten aber auch Privatanlegerinnen und -anlegern in doppeltem Sinne einen Mehrwert.“

Das sagt Sebastian Fromm, Referent für Preis-, Produkt- und Kampagnenmanagement bei der Sparkasse KölnBonn. „Wer nachhaltig investiert, trägt zum einen zu einer Entwicklung unserer Gesellschaft, zu einem respektvollen Umgang mit der Umwelt und zur verantwortungsvollen Führung von Unternehmen bei. Privatanlegerinnen und -anleger haben mit nachhaltigen Investments zum anderen die Aussicht auf interessante Renditen.“

Anleger orientieren sich um

Ein Blick in Richtung Politik erklärt, warum das so ist. Die Europäische Union (EU) macht mit dem „Green Deal“ Druck beim Thema Klimaschutz. Ende vergangenen Jahres haben sich die Staats- und Regierungschefinnen und -chefs der EU zur Klimaneutralität bis 2050 verpflichtet. Als Zwischenschritt müssen sie bis zum Jahr 2030 ihren CO2-Ausstoß um 55 Prozent senken. Die Bundesregierung hat nach Kritik des Bundesverfassungsgerichts sogar ein Klimaschutzgesetz auf den Weg gebracht, das Klimaneutralität bereits für das Jahr 2045 vorsieht. Georg Kayser von der Fondsgesellschaft Deka erläutert:

„All das zeigt, dass der regulative Druck auf die Unternehmen in den kommenden Jahren kontinuierlich steigen wird, ihre Geschäftsmodelle und Prozesse in Richtung Klimaschutz anzupassen und damit zukunftsfähig zu machen.“

Der Klimawandel wird damit zum Game Changer für Anlegerinnen und Anleger. Denn fast jeder Aspekt eines Portfolios ist durch ständig schärfere Klimavorgaben seitens der Regierung betroffen – von den Renditeerwartungen bis hin zu den Risikoquellen. Für Investorinnen und Investoren gilt es daher umzudenken und die Auswirkungen von Umweltaspekten und Klimarisiken im Portfolio abzuklopfen. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hat Finanzdienstleister und institutionelle Investoren bereits aufgefordert, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit, insbesondere Klimarisiken, in den Vermögensportfolios, die sie für ihre Kundinnen und Kunden verwalten, auseinanderzusetzen.

EU schiebt Greenwashing einen Riegel vor

Bei Fachleuten wächst indes die Sorge, dass angesichts ungeklärter Begrifflichkeiten einige Emittenten und Fondsanbieterinnen und -anbieter sogenanntes Greenwashing betreiben könnten – indem sie sich selbst und eine Anlage bei ihnen nachhaltiger darstellen, als sie tatsächlich sind. Dem hat die EU-Kommission seit März dieses Jahres mit der sogenannten Taxonomieverordnung einen Riegel vorgeschoben. Seitdem besteht für Banken und Sparkassen eine Offenlegungspflicht. Das heißt: Sie müssen ihre Kundinnen und Kunden regelmäßig darüber informieren, wie nachhaltig das Geld bei ihren einzelnen Anlageprodukten investiert wird. Auf diese Weise sollen vor allem Privatanlegerinnen und -anleger mehr Durchblick erhalten, und Greenwashing soll vermieden werden.

Dieses Regelwerk ist ein zentraler Baustein des Aktionsplans der EU-Kommission, mit dem (privates) Kapital in nachhaltige Investitionen gelenkt werden soll. Voraussichtlich noch in diesem Jahr werden die Anlageexpertinnen und -experten von Banken und Sparkassen zusätzlich verpflichtet sein, im Beratungsgespräch die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kundinnen und Kunden ausdrücklich abzufragen. Nachhaltigkeit soll so in der Anlageberatung und Vermögensverwaltung eine größere Rolle spielen.

Fachleute befürchten Bürokratiemonster

Vermögensfachleute warnen jedoch, dass es der Gesetzgeber übertreiben könnte und dem Boom nachhaltiger Investments ein Dämpfer droht. So etwa Michael Reuss, geschäftsführender Gesellschafter bei der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung GmbH in München: „Aus unserer Sicht ist Skepsis angebracht. Denn es ist zu befürchten, dass ein neues Bürokratiemonster entsteht, welches den Spielraum einer verantwortungsvollen Kapitalanlage immer weiter einengt und ad absurdum führt.“ Zumindest, was die Taxonimieverordnung angeht, scheinen sich die Befürchtungen des Experten zu bewahrheiten. Noch immer nämlich diskutieren Finanzdienstleisterinnen und -dienstleister, Bankenaufseherinnen und -aufseher sowie Regierungsbeamtinnen und -beamte über die Frage: Wann genau darf sich eine Geldanlage als nachhaltig bezeichnen?

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