Bitcoin, Ether & Co: Kommt das neue Geld aus dem Netz?

Kryptowährungen sorgen für Aufregung – obwohl sie im Alltag für die meisten Menschen noch keine Rolle spielen. Diese digitalen Alternativen zu Bargeld sind im Internet zuhause. Sie versprechen mehr Unabhängigkeit von staatlichen Einrichtungen. Aktuell überwiegt für Verbraucher jedoch der Aufwand.
 

Juni 2019

Foto: Stocksy/ Miss Rein

Bitcoin statt Euro-Münze, Ether statt Dollar-Note: In den vergangenen Jahren sind im Internet Alternativen zum bisherigen Geldsystem entstanden. Diese sogenannten Kryptowährungen existieren ausschließlich digital – und funktionieren in vielen Bereichen anders als das klassische Geld. So werden sie alle nicht von einer zentralen Notenbank herausgegeben, sondern durch die Rechenkraft von Computern erzeugt. Klingt kompliziert – und ist es auch. Fans sagen, dass durch die Kryptowährungen in Zukunft ein besseres und schnelleres Geldsystem entstehen kann. Kritiker warnen hingegen vor einer hochspekulativen Blase. Was steckt überhaupt hinter dem Hype, der gerade im vergangenen Jahr viele Schlagzeilen beherrschte?
 

Bezahlen mit Bitcoin & Co – ein bisschen mehr als Marketing-Gags
Immer wieder ist von kuriosen Fällen zu lesen, bei denen das Kryptogeld zum Einsatz kommt. Eine Berliner Wirtschaftshochschule bietet etwa an, die Weiterbildungskurse in der Digitalwährung zu bezahlen. Und in der Türkei verpflichtete ein Fußballverein einen Spieler im vergangenen Jahr für den Bruchteil eines Bitcoins. Das sorgt für Schlagzeilen, betrifft aber nur wenige Menschen. 
Doch langsam arbeiten sich die Digitalwährungen vor: Zahlreiche Online-Shops bieten diese Zahlungsoption bereits an, auch beim Essenslieferdienst Lieferando kann man den Burger in Bitcoin bezahlen. Große Plattformen wie Amazon, Ebay oder Zalando halten sich jedoch noch zurück. 
In der analogen Welt muss man noch intensiver suchen. Einige Cafés und Bars in Städten mit einer großen Digitalszene ermöglichen diese Art der  Bezahlung. Im Rheinland finden sich etwa ein Hotel in Bergheim, ein China-Restaurant und ein Fahrradhändler in Köln, die auch Digitalwährungen akzeptieren – viele Möglichkeiten sind es jedoch auch hier nicht.


Riskante Anlage – die Kryptowährungen schwanken im Kurs
Das Problem ist: Alle Unternehmen müssen im Hintergrund immer noch mit ihrer normalen Landeswährung kalkulieren. Und weil die Kurse der Kryptowährungen stark schwanken können, müssen die Preise sehr häufig neu umgerechnet werden. 
Wie rasant sich der Kurs verändert, kann man auch gut an einer Abendessen-Bestellung nachvollziehen. Jedes Jahr Mitte Mai feiert die Krypto-Gemeinschaft etwa den „Bitcoin Pizza Day“: Im Jahr 2007 hatte ein Entwickler zwei Pizzen bestellt und dafür 10.000 Bitcoin bezahlt. Aktuell läge der Wert für dieses Essen bei stolzen 40 Millionen Dollar. Ein Twitter-Account rechnet die legendäre Pizza-Order sorgsam jeden Tag um. Ein Bitcoin kostet aktuell etwa 4400 Euro – Ende 2017 lag der Kurs bei 17.000 Euro. Solche Sprünge sorgen im Alltag natürlich häufig für Verwirrung.
Für den normalen Nutzer heißt das: Wer Geld in Bitcoin & Co. umtauscht, hat keine stabile Währung. Er kann mit dem Umtausch viel gewinnen – aber auch sehr viel verlieren. „Eine Nutzung von Bitcoin insbesondere zur Geldanlage ist zum aktuellen Zeitpunkt als hochspekulativ einzuordnen“, urteilt etwa die DekaBank.  Wer trotzdem mitspielen will, kann auch auf Finanzprodukte wie sogenannte Bitcoin-Futures zurückgreifen, die an einigen Börsen gehandelt werden. Dabei wetten Käufer auf den Kursanstieg oder -verfall  des Kryptowährungskurses zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft. Das ist jedoch ebenfalls mit einem hohen Risiko behaftet.
 

Bits statt Banken – auf der Blockchain entsteht die virtuelle Währung 
Auch wenn Bitcoin die Schlagzeilen beherrscht: Im Netz gibt es mehr als 200 verschiedene Kryptowährungen, von denen die meisten kaum eine Rolle spielen. Neben Bitcoin und Ether gibt es etwa XRP, Litecoin oder Tether. Die meisten teilen die grundlegende Technik: Sie basieren auf der sogenannten Blockchain. Die funktioniert wie ein digitaler Ringordner. In dem wird bei jedem Kauf, Verkauf oder Umtausch ein neues Blatt mit allen wichtigen Informationen eingeheftet – und das bei jedem, der irgendwie an der Informationskette beteiligt ist. Damit ist das Prinzip ein Gegenentwurf zu zentralen Datenbanken, in denen alle Informationen an einem virtuellen Ort gespeichert sind. 
Die verteilten Informationen auf der Blockchain machen es schwieriger, diese Kette zu manipulieren: Man müsste mehr als die Hälfte der beteiligten Rechner kapern, um nachträglich falsche Daten zu platzieren – ansonsten übernimmt die Blockchain diese Änderung nicht. In anderen Branchen wird daher viel mit Blockchain-Anwendungen experimentiert. Unternehmen fangen an, ihre Lieferketten mit der Technologie zu überwachen, Versicherungen wickeln Schadensfälle über die Blockchain ab. Wegen der Sicherheit und der Dezentralität sei für die Zukunft ein breites Anwendungsspektrum zu erwarten, heißt es in einer Einschätzung der DekaBank.

Das Blockchain-Prinzip

Quelle: Frankfurt School Blockchain Center

A möchte eine Transaktion B durchführen; zum Beispiel Geld überweisen.

Quelle: Frankfurt School Blockchain Center

Alle Informationen einer Transaktion bilden einen sogenannten Block.

Quelle: Frankfurt School Blockchain Center

Der Block wird an alle Netzwerkmitglieder geschickt.

Quelle: Frankfurt School Blockchain Center

Die Mitglieder prüfen, ob die Transaktion OK ist.

Quelle: Frankfurt School Blockchain Center

Der Block kann nun zur Blockchain hinzugefügt werden. Diese dient als unlöschbares und transparentes Archiv der Transaktionen.

Quelle: Frankfurt School Blockchain Center

Die Transaktion ist durchgeführt. B sieht zum Beispiel, dass Geld von A bei ihm angekommen ist.

Jede Kryptowährung – ob Bitcoin, Ether, oder XRP – ist dabei eine eigenständige Datenkette, die ständig aktualisiert wird, wenn neue Transaktionen stattfinden. Das führt zu einer kuriosen Doppelrolle: Eigentlich ist dieses System viel transparenter, weil gut nachvollziehbar ist, welches Konto über wie viel Bitcoin verfügt. Doch wer so ein digitales Konto eröffnet, muss sich nicht mit Personalausweis registrieren. Daher lässt sich in der Kryptowelt relativ einfach anonym Geld hin- und herschieben. Hacker, die beispielsweise die Computer von Nutzern übernehmen und die Daten verschlüsseln, erpressen gerne Bitcoin von ihren Opfern. Kritiker warnen daher, dass ohne eine Kontrollinstanz digitale Betrüger leichtes Spiel haben. Im traditionellen Geldsystem übernehmen Banken diese Funktion. Sie identifizieren Kontobesitzer, garantieren einen reibungslosen Zahlungsverkehr und melden den Behörden, wenn es zu verdächtigen Transaktionen kommt. Befürworter von Kryptowährungen sagen jedoch: Weil diese Mittelsmänner in der digitalen Welt nicht mehr nötig sind, könnte das Geldsystem deutlich schneller, transparenter und kostengünstiger werden. 

Schürfen unter Strom – der hohe Energieverbrauch der Kryptowährungen
Denn die digitalen Währungen entstehen auch ganz ohne das Zutun von Zentralbanken. Kryptowährungen werden durch komplexe Berechnungen geschaffen: Computer arbeiten so lange vor sich hin, bis sie den passenden Algorithmus für einen neuen Block entschlüsselt haben. Dieser Vorgang heißt Mining – weil die Rechner wie die Bergarbeiter in den Kohleschächten mühselig nach neuen Blöcken schürfen. Für die aufwendigen Berechnungen werden die digitalen Bergarbeiter in der Kryptowährung vergütet. In den ersten Jahren der Technologie konnten so einige „Miner“ viel Geld verdienen, in dem sie gleich dutzende oder hunderte von schnellen Grafikkarten-Chips vor sich hinrechnen ließen. Oft standen die in Kellern oder anderen kühlen Räumen, damit die PCs nicht zu warm werden.
Denn der Energieverbrauch ist enorm. Im vergangenen Jahr kam eine Studie zu dem Ergebnis, das allein die Bitcoin-Schürfer mehr Strom verbrauchen als ganz Dänemark. Gleichzeitig hat unter den Krypto-Profis ein Wettrüsten eingesetzt: Die Konkurrenz um den nächsten berechenbaren Block wird immer größer, gleichzeitig ist der Preis gesunken – viele Rechner laufen für immer weniger Ertrag heiß. 

Die große Schlüsselfrage – wie speichert man Bitcoin & Co?
So einen komplizierten Weg gehen die meisten Nutzer daher nicht. Für sie gibt es alternativ verschiedene digitale Brieftaschen, in der Kryptowelt englisch „Wallets“ genannt. Statt zwischen Leder oder Stoff müssen sich die Nutzer hier zwischen Digital und Analog entscheiden. Der simpelste Weg: Sogenannte Kryptobörsen, auf denen man die Währungen eintauschen kann, speichern das Geld wie ein Depot bei einer Bank für den Verbraucher. Immer wieder wurden in den letzten Jahren jedoch kleinere Börsen von Verbrechern gehackt, die danach mit den erbeuteten Bitcoins im Internet verschwunden sind.
Alternativ kann man die Zugangsdaten zu seiner Krypto-Anlage auch in einem kleinen Programm auf dem Computer oder dem Smartphone speichern. Noch einen Schritt sicherer sind sogenannte Hard Wallets, die oft aussehen wie ein USB-Stick und so auch vom Internet getrennt werden können. Ganz simpel ist das „Paper Wallet“: Dabei lässt man im beim Eintauschen der Bitcoins zwei lange Codes aus Buchstaben und Zahlen erzeugen, die den Weg zu der Kryptowährung im Netz weisen. Diese Schlüssel schreibt man auf – und verwahrt sie gut geschützt an einem sicheren Ort. 

Ob digital oder analog: Dieser Schlüssel ist entscheidend. Geht der Code verloren, gibt es auch keine Chance mehr, an das Geld heranzukommen. Eine zweite Sicherheitsabfrage wie bei einem verlorenen Passwort oder gar ein Servicecenter, was weiterhelfen kann, gibt es für die Digitalwährungen nicht. Studien vermuteten bereits vor zwei Jahren, dass etwa vier Millionen Bitcoin für immer verloren gegangen sind – weil Nutzer ihren Code verloren haben oder gestorben sind, ohne den Schlüssel weiterzugeben.

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