„Ich bin eine Kümmerin“

Als TV-Moderatorin kennt Bettina Böttinger fast jeder. Dass sich die Fernsehfrau auch sozial stark engagiert, wissen nur wenige. Böttinger hängt ihr Engagement nicht an die große Glocke. Mit unserer Redaktion sprach sie über Verantwortung, Kraftquellen – und ihren Einsatz für das Kölner Jugendzentrum anyway. 

Foto: Valéry Kloubert

Frau Böttinger, Sie sind beruflich viel beschäftigt. Warum setzen Sie sich zudem noch privat für Hilfsbedürftige ein? 
Das klingt jetzt vielleicht geschwollen, aber ich finde, ich bin nicht nur auf der Welt, um es mir bequem zu machen. Wer das Glück hat, gesund zu sein, in guten Verhältnissen aufgewachsen zu sein, in einer Demokratie zu leben, genug zu essen zu haben – also auf der Sonnenseite zu stehen –, der hat auch eine Verpflichtung. Ich bin so eine Kümmerin. Das ist mir in die Wiege gelegt oder besser: anerzogen. Meine Mutter hat mir bestimmte Dinge mitgegeben, ein Sozial- und Gerechtigkeitsempfinden. Dass man sich für Schwächere einsetzt, war bei uns immer selbstverständlich. 

Unter anderem sind Sie nach Afghanistan, Bosnien und Burundi gereist, um Frauen und Kinder in Not zu treffen. Ein ganz schönes Risiko, oder?
Na, den Gefahrenaspekt sollte man nicht übertreiben. Ich war in Bosnien, als der Krieg dort schon beendet war. Und auch in Afghanistan und Burundi war die Lage zum Zeitpunkt meiner Reisen relativ sicher. Aber klar, es ist natürlich schon anders, durch Kabul zu laufen als durch Köln-Ehrenfeld. Ich finde es aber wichtig, nicht auf Sicherheitsabstand zu bleiben, sondern direkt mit den Leuten zu reden und aus erster Hand zu erfahren, was sie bewegt und was sie brauchen

Wie gehen Sie mit belastenden Erlebnissen im Rahmen Ihres Engagements um?
Es gibt bedrückende Situationen. Sehr im Kopf geblieben ist mir die Begegnung mit einer Frau in Bosnien, die im Krieg vor den Augen ihres Sohnes vergewaltigt und misshandelt worden war. Sie litt noch Jahre später an schweren körperlichen Folgen, ihr Sohn war durch die Erfahrung verrückt geworden. Schrecklich! Aber ich erlebe ja auch immer Positives, treffe spannende Leute, die was bewegen. Das gibt mir Kraft.

In Köln sind Sie unter anderem Patin für das Jugendzentrum anyway. Warum?
Als ich vom anyway gehört habe, war mein erster Gedanke: „Mensch, das hättest du mit 17, 18 Jahren auch gern gehabt.“ Ich bin ja in den 60er- und 70er-Jahren aufgewachsen, das war für Lesben und Schwule wirklich noch eine bleierne Zeit.

„Dass man sich für Schwächere einsetzt, war bei uns immer selbstverständlich."

So ein Anlaufpunkt, wo man als junger homosexueller Mensch hinkann, Freundschaften schließen, sich austauschen und Hilfe bekommen kann – der fehlte damals. Dass es ihn mit dem anyway heute gibt, finde ich klasse und möchte das unterstützen. 

Warum ist so ein Zentrum wichtig? 
Für die allermeisten ist es auch heute nicht einfach, den Eltern zu sagen: „Ich bin schwul“ oder „Ich stehe eher auf Mädchen als auf Jungs“. Von der öffentlichen Akzeptanz, die zum Beispiel ein schwuler Außenminister erfährt, hat jemand, der gerade 15 und ziemlich unsicher ist, nur wenig. Da ist die Distanz zur eigenen Situation einfach zu groß. So jemand braucht einen Schutzraum, wo er oder sie einfach hingehen und Gleichgesinnte treffen kann. 

Sie stehen offen zu Ihrer Homosexualität. Sind Sie ein Vorbild für junge Menschen? 
Vorbild? Das weiß ich nicht. Aber ich bekomme häufig Post von jungen Leuten, die mir sagen, dass sie mein Auftreten gut finden. Und dass meine klare Haltung sie auch ermutigt. Das freut mich enorm!

Wir sind anyway 

1998 wurde das anyway als das erste Jugendzentrum für lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche in Europa eröffnet. Bettina Böttinger ist Patin des anyway, das pro Jahr von rund 1.400 Jugendlichen besucht wird – auch um sich Hilfe für ihr Coming-out zu holen.


www.anyway-koeln.de

Foto: Valéry Kloubert

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