„Wir wollen uns zeigen, wie wir sind“

Juden leben nachweislich bereits seit 1700 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Dieses Ereignis wird 2021 gefeiert. Andrei Kovacs und Dr. Regina Plaßwilm, die Geschäftsführer des Vereins „321–2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.“, haben dazu mit meinkoelnbonn.de gesprochen.

Februar 2021

Foto: Yanushevsky/Adobestock.com

Am 11. Dezember 321 bestimmte der römische Kaiser Konstantin per Gesetz, dass auch Juden in Ämter der Kurie und der Stadtverwaltung von Köln berufen werden können. Der erste Beleg für jüdisches Leben im mitteleuropäischen Raum ist die frühmittelalterliche Handschrift einer Urkunde, die derzeit im Vatikan verwahrt wird, eine Kopie davon liegt im Kölner Stadtarchiv.

In diesem Jahr werden 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert. Inwiefern haben Juden die hiesige Region geprägt?
Kovacs: Jüdisches Leben hat die Kultur seit über 1700 Jahren in vielen Bereichen geprägt, zum Beispiel in Religion, Wissenschaft, Kunst, Musik und Politik. Es gehört in Deutschland deshalb einfach mit dazu.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, es liege ihr am Herzen, dass sich jüdisches Leben in der deutschen Gesellschaft noch weiter entfalten kann. Was ist dazu nötig?
Kovacs: Vor allem eine gesellschaftliche Akzeptanz. Vor 76 Jahren wurde während der Shoah (Anm. d. Red.: Massenvernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten) verkündet, dass das Leben von Juden in Deutschland endgültig vorbei sei. Doch die Lage hat sich geändert. Durch Einwanderung in den vergangenen Jahren leben immer mehr jüdische Menschen hier, was eine Chance für Deutschland ist. Heute besteht die Möglichkeit, sich gegenseitig besser kennenzulernen und ein harmonisches Miteinander zu leben. Das sollte Alltagsnormalität sein und dementsprechend in der Gesellschaft diskutiert werden, sodass das jüdisches Leben hierzulande vielleicht eines Tages auch ohne Polizeischutz möglich ist. Dafür ist allerdings noch sehr viel Arbeit nötig.

Dr. Regina Plaßwilm
Bild: Marlene Meyer-Dunker

Was kann das Festjahr dazu beitragen?
Dr. Plaßwilm: Durch das Festjahr besteht die große Chance, das aktuelle jüdische Leben in Deutschland in seiner Vielfalt und Diversität aufzuzeigen. Dabei möchten wir der Bevölkerung in Deutschland das gelebte Judentum beispielsweise in Form von Sprache, Kulinarik sowie anhand von Feier-, Fest- und Fastentagen näherbringen. Interessierten kann ich wärmstens ans Herz legen, sich zu beteiligen und einen Beitrag zum Festjahr zu leisten, egal ob als aktiver Mitgestalter oder als Rezipient und Konsument. Denn dadurch kann das Verhältnis von jüdischen sowie nicht-jüdischen Menschen füreinander ein wenig normaler und alltäglicher werden. Personen sollen sich begegnen, aufeinander zukommen, Gemeinsamkeiten entdecken und voneinander lernen.

Welche Aufgaben übernimmt der Kölner Verein „321 – 2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ im Rahmen der Festlichkeiten?
Dr. Plaßwilm: Im Hinblick auf die bevorstehenden Feierlichkeiten wurde der Verein im April 2018 in Köln gegründet. Wir verstehen uns als Initiatoren und wollen möglichst viele Menschen, Organisationen und Institutionen dafür begeistern, an den Festlichkeiten teilzuhaben und die jüdische Kultur kennenzulernen. Zu diesem Zweck organisieren und begleiten wir verschiedene Veranstaltungen. Zudem gehört die Beantragung von Mitteln bei den zuständigen Behörden und anderen relevanten Institutionen zu unseren Kernaufgaben. Wichtig ist mir dabei zu betonen: Unser Verein sitzt zwar in Köln, gefeiert wird aber in ganz Deutschland.

Andrei Kovacs
Bild: Jörn Neumann

Kovacs: Zu unseren Kernaufgaben gehört deshalb auch, die Festlichkeiten bundesweit zu koordinieren. Um dies gewährleisten zu können, werden wir vom Bundesinnenministerium des Innern, für Bau und Heimat, vom Staatsministerium für Kultur und Medien, vom Land Nordrhein-Westfalen sowie von der Stadt Köln gefördert. Dementsprechend haben wir viele Kontakte in andere Regionen und deren Städte, sodass tatsächlich in allen 16 Bundesländern Veranstaltungen stattfinden werden. 

Dr. Plaßwilm: Insgesamt sprechen wir von rund 450 Projekten mit Förderbedarfen sowie über 500 Darbietungen ohne Zuwendungen, die im Festjahr präsentiert werden. Das ist ein enormer Erfolg für ein sogenanntes Mitmachfestival. Gleichzeitig möchte ich unterstreichen: Alle Projekte, die ohne Förderbedarf auskommen, können auch jetzt noch organisiert und bei uns auf der Plattform für eine Registrierung angemeldet werdet.

Inwiefern nimmt Köln dabei eine Vorreiterrolle ein?
Kovacs: Köln ist das Epizentrum, als offene und bunte Stadt, mit vielen Menschen, die unverkrampft und mit einem Lächeln an die Probleme herangehen. Und genau auf diese unverkrampfte kölsche Weise möchten wir unsere Anliegen kommunizieren. Ein Beispiel dafür ist die Schalömchen-Bahn der KVB, die durch das gesamte Stadtgebiet fährt. Diese Botschaft hat mehr als eine Viertelmillion Menschen erreicht und wurde über die digitalen Kanäle sogar in vielen Teilen der Welt wahrgenommen.

Bild: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.

Unter dem Motto „Schalömchen Köln – miteinander mittendrin“ transportieren die Kölner Verkehrs-Betriebe neben den Fahrgäste eine Botschaft gegen Antisemitismus.

Aufgrund der Corona-Pandemie können aktuell keine großen Events durchgeführt werden. Welche Veranstaltungen finden dennoch statt?
Dr. Plaßwilm: Wir sind fortlaufend mit den Veranstaltern im Gespräch. Klar ist, dass in den nächsten Wochen keine Events stattfinden können, bei denen viele Menschen zusammenkommen. Aber wir hoffen natürlich, dass zumindest im Sommer einige Veranstaltungen durchgeführt werden können. Zum Beispiel das Begegnungsfestival Mentsh, bei dem das Miteinander der Kulturen je nach Möglichkeit bei Konzerten, Tänzen und Lesungen gefördert werden soll.  Zudem möchten wir im Herbst mit Sukkot XXL vom 20. bis zum 27. September, das weltweit größte Laubhüttenfest, in möglichst vielen Gemeinden feiern. Seit Anfang des Jahres gibt es auf unserer Homepage zudem einen interessanten wöchentlichen Podcast (#2021JLID) zum Thema jüdisches Leben in Deutschland, an dem sich auch prominente Gäste beteiligen.

Bild: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland e.V.

Mirna Funk, Shelly Kupferberg und Miron Tenenberg sprechen im Podcast #2021JLID wöchentlich im Wechsel mit spannenden Gästen über das Thema jüdisches Leben in Deutschland.

Kovacs: Außerdem wird beispielsweise das Robert Koch-Institut eine Online-Ausstellung präsentieren, was uns sehr überrascht und umso mehr gefreut hat. Darin werden Beiträge von Juden in die Wissenschaft gezeigt, die vor der Shoah im Robert Koch-Institut gearbeitet haben.   

Dr. Plaßwilm: Für Kinder wird online ebenfalls einiges geboten, zum Beispiel ein Video-Puppentheater, sodass bereits jetzt und trotz der Corona-Pandemie für jede Altersgruppe etwas dabei ist. Dementsprechend wird die Website aktuell stark wahrgenommen, deutschlandweit und sogar international. Die Menschen sind begeistert, dass das jüdische Leben endlich mal in einer solchen Konstellation und fernab von Stereotypen präsentiert wird.

Die Auftaktveranstaltung wird am 21. Februar durchgeführt. Was können Interessierte davon erwarten?
Kovacs: Eine Festsaalveranstaltung mit vielen Gästen kann derzeit nicht durchgeführt werden. Doch wir lassen uns davon nicht unterkriegen. Stattdessen wird es ein spannendes Fernsehformat geben, das am 21. Februar von 16.30 bis 17.30 Uhr in der ARD ausgestrahlt wird. Dabei werden der Bundespräsident, unser Schirmherr, und weitere bekannte Persönlichkeiten zu Wort kommen. Zudem wird es für die Zuschauerinnen und Zuschauer noch die eine oder andere Überraschung geben. Der Sinn des Ganzen ist es, trotz der Pandemie und den damit verbundenen Herausforderungen jüdisches Leben in allen Facetten und in einem kreativen Kontext darzustellen. Dadurch wollen wir für Denkanstöße sorgen und natürlich auch zu einem gesellschaftlichen Diskurs anregen. 

Kann ein solcher Diskurs dazu beitragen, dass der Antisemitismus in Deutschland verringert wird?
Kovacs: Das hoffen wir natürlich. Aber leider ist der Antisemitismus eine große Herausforderung. Wie ein mutierendes Virus – das älteste der Menschheitsgeschichte. Es hat quasi schon immer Verschwörungstheorien, Vorurteile und Misstrauen gegeben. Dennoch möchten wir gemeinsam mit unseren Projektpartnern dazu beitragen, dem etwas entgegenzusetzen und den erstarkenden Antisemitismus bekämpfen. Das wollen wir erreichen, indem wir Begegnungen schaffen, Empathie fördern und somit Vorurteile und Misstrauen abbauen. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern verstärkt über den direkten Austausch miteinander. 

Wie kann Antisemitismus außerdem verhindert werden?
Dr. Plaßwilm: Unser größtes Anliegen ist es, dem Antisemitismus positive Bilder entgegenzusetzen. Dabei geht es um einen respektvollen Umgang miteinander und eine Anerkennung, aber auch um Neugierde und Interesse am heutigen vitalen und diversen Judentum in Deutschland. Um das zu erreichen, werden viele Bildungsprojekte entwickelt, die zeitnah bundesweit in zahlreichen Volkshochschulen, Hochschulen und auch Akademien angeboten werden. Aber auch durch Veränderung von Schul- und Lehrplänen wird dies zukünftig bewerkstelligt werden können.  

Kovacs: Dadurch möchten wir erreichen, dass jüdische Menschen nicht immer direkt mit der Shoah in Verbindung gebracht werden, sondern auch mit den positiven Beiträgen, die sie für die Gesellschaft geleistet haben und dies weiterhin tun. Sie sind da und wollen dazugehören, wie jeder andere Mensch auch. Das ist der ausdrückliche Wunsch der jüdischen Menschen. Sie sagen: Wir wollen uns zeigen, wie wir sind. Nach 1700 Jahren wollen sie endlich ein normaler Teil der Gesellschaft sein. Das ist wirklich eine Chance, die wir alle sehr ernst nehmen. Ich hoffe, dass wir diesbezüglich und in der näheren Zukunft ein Stück weiterkommen. 

Ist es vorstellbar, dass es zur Feier 1800 Jahre jüdisches Leben in Deutschland keinen Antisemitismus mehr gibt?
Dr. Plaßwilm: Wir können durch unser Engagement vielleicht ein neues Kapitel aufschlagen und viele Vorurteile durch ein Kennenlernen sowie ein gemeinsames Miteinander abbauen. Aber den Antisemitismus innerhalb von 100 Jahren komplett zu verdrängen, werden wir wohl leider nicht schaffen. 

Kovacs: Das sehe ich ähnlich. Denn leider trägt statistisch jeder vierte Mensch antisemitische Vorurteile mit sich. Deshalb wäre ich schon froh, wenn wir diese Prozentzahl vielleicht auf zehn reduzieren könnten. Bereits das wäre revolutionär und würde für meine Enkelkinder ein Stückchen mehr Normalität bedeuten. Und unsere Generation wiederum könnte stolz auf sich sein, denn sie hätte zur Verringerung des Antisemitismus einen bedeutenden Beitrag geleistet.

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