Glücklich altern mit fünf L

Margie Kinsky und Bill Mockridge, Gründer des Improvisationstheaters „Haus der Springmaus“, über das Leben, die Leidenschaft und das Engagement.

Foto: Bozica Babic

Sie beide sind seit Jahrzehnten auf Deutschlands Bühnen zu sehen. „Hurra, wir lieben noch!“ ist Ihr erstes gemeinsames Programm. Was war der Auslöser?
Margie Kinsky: Nachdem ich jahrelang im Springmaus-Ensemble war und Bill seine Soloprojekte hatte, wollten wir uns zur Abwechslung mal nicht erst nachts um zwei am Küchentisch treffen, sondern zusammen auf Tour gehen.
Bill Mockridge: Margies letztes Buch „Ich bin so wild nach deinem Erdbeerpudding“ war ein Bestseller. Der Verlag fragte an, ob wir nicht gemeinsam ein Buch schreiben wollen, schließlich führen wir seit 34 Jahren eine Ehe, haben sechs Kinder großgezogen.
Margie Kinsky: Und ein Buch zu schreiben, ist eine Art Therapie. Uns fielen so witzige Sachen ein, dass es nahelag, sie auf die Bühne zu bringen.

Wie erleben Sie das gemeinsame Arbeiten?
Margie Kinsky: Es ist wirklich toll!
Bill Mockridge: Anfangs hatte ich Bedenken, ob ich Margies Tempo halten kann, denn sie ist sehr schnell auf der Bühne, eine richtige Rampensau – was ja auch gut ist! Doch es hat sich hervorragend entwickelt: Ich drossele das Tempo, Margie gibt Gas. Diese Abwechslung kommt bei den Zuschauern gut an.

Ist es als Ehepaar einfacher, ein Comedyprogramm über die Ehe zu machen?
Margie Kinsky: Wir sind damit jedenfalls einmalig. Bei uns kommen Männer und Frauen gleichermaßen auf ihre Kosten. Manchmal erfahren wir sogar, dass unser Programm eine heilende Wirkung auf die Ehen unserer Zuschauer hat. Wir kommen ja aus der Generation, die versucht, kaputte Sachen zu reparieren und wieder ans Laufen zu bringen. Heutzutage läuft es oft nach dem Motto „gefällt mir nicht mehr, fott damit, Neues her“. Wir versuchen zu zeigen, dass es auch anders geht.

„Bonn ist im Vergleich zu Rom oder Toronto sehr klein, aber hier ist unser Zuhause, hier haben wir unsere Familie und unser Theater gegründet.“

Sie beide sind aus Rom beziehungsweise aus Toronto nach Bonn ausgewandert. Sind Sie Ihrem Selbstverständnis nach inzwischen Bonner geworden?
Margie Kinsky: Tief im Herzen bin ich eine Römerin und eine italienische Mama, aber ich bin auch stolz, ein Bonner Mädchen zu sein. Bonn ist im Vergleich zu Rom oder Toronto sehr klein, aber hier kennen uns viele, hier ist unser Zuhause, hier haben wir unsere Familie und unser Theater gegründet.
Bill Mockridge: Ich pflege meine kanadische Seite. Wir haben noch ein kleines Häuschen in Kanada, in dem wir jeden Sommer zwei Monate verbringen. Unsere Söhne haben einen kanadischen und einen italienischen Pass. Doch ich lebe seit 50 Jahren in Deutschland. Das sind 30 Jahre mehr, als ich in Kanada gelebt habe. Dieses Land hat mir wahnsinnig viel gegeben, und ich bin gern hier.
Margie Kinsky: Er ist ein Holzfällerhemd, das Kölsch liebt (lacht).

Hatten Sie damals über potenzielle Schwierigkeiten nachgedacht, als Sie planten, sich in einem damals noch fremden Land eine Existenz aufzubauen?
Margie Kinsky: Geplant haben wir gar nichts. Wir wollten Theater machen, das begeistert. Sechs bekloppte Studenten im Kegelraum einer Kneipe – so fing es an. Der Eintritt hat zehn D-Mark gekostet, und wir hatten einfach nur Spaß und waren mit Herz dabei. Dass es so ein Erfolg wird, damit hat keiner gerechnet.
Bill Mockridge: Als ich 1968 mit einem Stipendium nach Deutschland kam, um das deutsche Theater drei Monate lang zu studieren, hat es mich sofort begeistert, dass hier Schauspieler über eine längere Zeit an einem Theater sind. Es ging dabei nicht ums Geld, sondern um eine kontinuierliche Arbeit. Deswegen habe ich beschlossen, hier zu bleiben, Deutsch zu lernen und als Schauspieler zu arbeiten. Nach zweieinhalb Jahren habe ich meine erste kleine Rolle gespielt, dann folgten Engagements in Ulm, Heidelberg, Basel und anschließend in Bonn. Ich hatte aber immer diese unglaubliche Lust, etwas Eigenes zu machen. Es war kein Risiko, denn ich musste nichts aufgeben. Zunächst habe ich das parallel zu meinem Theaterengagement gemacht und es Schritt für Schritt ausgebaut.

Foto: Bozica Babic
Foto: Bozica Babic
Foto: Bozica Babic
Foto: Bozica Babic

Würden Sie diese Herangehensweise auch den anderen Gründern empfehlen?
Bill Mockridge: Ich sage immer: Finde etwas, das du liebst, und du wirst nie wieder arbeiten müssen. Wer etwas wagen will, muss beseelt sein von seiner Idee. Heute überlegen sich viele: Was kann ich machen, das viel Geld bringt? So ein Unterfangen wird meines Erachtens mittelfristig scheitern.
Margie Kinsky: Walt Disney hat mal gesagt: „If you can dream it, you can do it“. Genau so ist es. Wenn du daran glaubst und die Leidenschaft dafür hast, dann geht das Leiden irgendwann weg und das Schaffen bleibt. Und vom Schaffen kommt schließlich das Geld.

Was ist für Sie Luxus?
Beide gleichzeitig: Zeit!
Bill Mockridge: Wenn ich mir morgens eine zweite Tasse Kaffee machen, mich hinsetzen und WDR5 hören kann.
Margie Kinsky: Morgens zu wissen, dass man nicht gleich wieder ins Auto steigen muss, um abends irgendwo zu sein. Die Situation auf den Autobahnen wird ja immer schlimmer.

Planen Sie angesichts solcher Gedanken Ihren Ruhestand?
Margie Kinsky: Das Tolle an unserem Beruf ist, dass man ihn bis zum Lebensende machen kann. Solange wir die Zuschauer zum Lachen bringen, genießen wir das Arbeiten. Ich will es nur vorher merken, nicht dass jemand irgendwann sagt: „Hör mal, hat sie eine feuchte Wohnung? Was will sie auf der Bühne?“
Bill Mockridge: Ich werde aufhören zu arbeiten, wenn ich mir keinen Text mehr merken kann oder wenn meine Frau sagt, ich soll es lassen. Aber ich würde mich freuen, wenn ich mit 90 noch Fernsehen mache.

Mein tägliches Programm umfasst fünf L: Laufen, Laben, Lieben, Lachen und Lernen.

Herr Mockridge, Sie haben sich mit Ihren Büchern wie „Je oller, je doller: So vergreisen Sie richtig“ oder „In alter Frische: Ein grauer Star packt´ s an“ zum Experten fürs Altern entwickelt. Wie betreiben Sie Altersvorsorge?
Bill Mockridge: Zunächst einmal ist die finanzielle Altersvorsorge wichtig und sollte nicht vernachlässigt werden. Aber auch andere Dinge gehören dazu. Als ich mit 50 Herzrhythmusstörungen bekam, war das für mich der Schuss vor den Bug. Ich habe eine Art Kassensturz gemacht und angefangen, mich mit dem Thema Alter richtig auseinanderzusetzen. Inzwischen bin ich ein großer Verfechter davon, dass Menschen 100 Jahre und älter werden können. Wir haben ja immer Angst vor dem Altwerden, weil wir nicht alt sein und dahinsiechen wollen. Dagegen kann man aber eine ganze Menge tun. Mein tägliches Programm umfasst fünf L: Laufen, Laben, Lieben, Lachen und Lernen.

Was bedeutet das konkret?
Bill Mockridge: Eine halbe Stunde am Tag nehme ich mir für die Bewegung, um richtig ins Schwitzen zu kommen. Laben bedeutet für mich, gut essen statt irgendwas in mich reinzuschaufeln, es genießen. Liebe im Herzen tragen ist ein ganz wichtiger Punkt. Glückliche Partnerschaft, aber auch die Beziehung mit den Kindern, Freundschaften und karitative Aufgaben gehören dazu. Wir lachen viel, und ich finde es wichtig zu lernen, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Es gibt so viele Situationen, in denen Menschen sich ärgern, die aber eigentlich witzig sind. Und das letzte L steht fürs Lernen, sprich: jeden Tag etwas für den Kopf tun – lesen, wieder mal ein Instrument aus dem Keller holen. Es gibt so vieles, was man tun kann. Darum wage ich zu behaupten: Ich werde meine 100 Geburtstagskerzen ausblasen und dabei schlau, stark und sexy sein (lacht).

Welche karitativen Aufgaben gehören für Sie zum 5-L-Programm?
Margie Kinsky: Ich unterstütze den Verein Chance auf Leben, der Mädchen in Indien durch die Bildung aus der Armut befreit. Außerdem engagiere ich mich gemeinsam mit dem Oberbürgermeister Ashok Sridharan für herzkranke Kinder als Botschafterin der Stiftung Kinderherzen Bonn.
Bill Mockridge: Seit 22 Jahren bin ich Schirmherr des Vereins Sterntaler Bonn. Wir organisieren Hilfe aus der Bevölkerung für bedürftige Kinder in unserer Stadt – von Gewaltprävention über gesundes Essen bis hin zur Hausaufgabenbetreuung und Ferienfreizeit. Ich hatte damals vor 22 Jahren zeitgleich das Angebot, Unicef-Botschafter zu werden – Reisen und Renommee inklusive. Aber als die Bonner auf mich zukamen und vom Notstand berichteten, entschied ich, damals fünffacher Vater, dass es sinnvoller ist, vor der eigenen Haustür zu kehren.

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