Die dunkle Seite der Schokolade

Tom Hillenbrand liest auf der diesjährigen lit.COLOGNE aus seinem neuen Roman „Bittere Schokolade“. Warum ihm das Einkaufen manchmal schwer fällt, was Hunger mit produktiver Arbeit zu tun hat, und was er an Köln so mag, hat er der Redaktion von meinkoelnbonn.de in diesem Interview verraten.

Foto: Stephanie Füssenich

Herr Hillenbrand, „Bittere Schokolade“ ist das sechste Buch aus der Reihe kulinarischer Krimis um Xavier Kieffer. Diesmal thematisieren Sie die Missstände beim Kakaoanbau und in der Schokoladenproduktion. Können Sie Schokolade noch unbeschwert genießen? Oder ist Ihnen der Appetit während der Arbeit am Roman vergangen? 
Ich kann sie noch genießen. Aber nach jedem dieser Bücher kann man beim Einkaufen im Supermarkt nicht mehr einfach ins Regal greifen. Ob Schokolade, Olivenöl oder andere Lebensmittel: Zu viel darüber zu wissen, macht ihren Genuss schwieriger. Aber nicht unmöglich. 

Was hat Sie dazu bewogen, die Machenschaften hinter dem Genussmittel Schokolade literarisch aufzugreifen? 
Über die katastrophalen Bedingungen beim Kakaoanbau habe ich immer mal wieder gelesen. Es wunderte mich, dass das Thema relativ wenig diskutiert wird, obwohl es in meinen Augen eine der größten Sauereien in der Lebensmittelbranche ist. Und da gibt es ja etliche. 

Wie haben Sie für das Buch recherchiert? 
Ich hatte ursprünglich vor, in den Kongo zu reisen. Dann las ich die Warnung des Auswärtigen Amtes, dass dort gerade eine Ebolae-Epidemie ausgebrochen war. Also beschloss ich, dass es auch ohne die Reise gehen musste. Meine Recherchequellen waren hauptsächlich lange und trockene Berichte von der International Labour Organization, der UNO oder der EU. Die Grundzüge der Schokoladenproduktion habe ich mir bei Brüsseler Chocolatiers angeschaut. Alle Orte in Luxemburg und Brüssel, die im Buch vorkommen, bin ich natürlich noch mal abgelaufen. 

Kennen Sie das Schokoladenmuseum in Köln?
Ja, da war ich auch zu Recherchezwecken. In Köln bin ich meist bei meinem Verlag Kiepenheuer & Witsch unmittelbar in Bahnhofsnähe. Am Schokoladenmuseum bin ich daher schon einige Male mit meinem Lektor entlanggelaufen. Ich wollte da seit Jahren reingehen, das Buch war nun ein guter Anlass dafür. Vor allem die dort aufgebaute Produktionsstraße, an der man sich per Knopfdruck Proben rausziehen kann, hat großen Spaß gemacht. 

Wie lange haben Sie am Roman gearbeitet?
Alles in allem neun Monate. Zwei Monate recherchieren, vier Monate schreiben und dann noch drei Monate, um alles mehrmals durchzugehen, zu verwerfen, umzuschreiben. Das Überarbeiten zieht sich gefühlt lange hin. 

Damit sind Sie aber ziemlich schnell. Wie schaffen Sie das?
Das höre ich oft, aber das ist doch mein Job. Wenn ich Bäcker wäre, würde ich auch nicht morgens in meine Backstube gehen und sagen: „Heute bin ich aber nicht inspiriert, um Brötchen zu backen.“ Darum setze ich mich einfach jeden Tag zur gleichen Zeit hin und bringe 10.000 Zeichen zu Papier. Ich habe ja sonst niemanden, der mir eine Vorgabe macht, wie viel am Tag ich schaffen und wann ich fertig sein muss. Eine klare Struktur wirkt befreiend. Ich muss nicht mehr darüber nachdenken, ob ich eine gute Idee habe oder nicht, sondern schreibe einfach drauf los. 

Wenn Ihr Roman ein Gericht wäre, wie würden Sie ihn beschreiben?
Als eine mehrstöckige Torte mit vielen überraschenden Füllungen. 

Wie wichtig ist Ihnen das Vermitteln von Wissen in Ihren Büchern?
Speziell bei dieser Reihe spielt es eine zentrale Rolle. Der Leser möchte aber nicht von Informationen erschlagen, sondern unterhalten werden. Darum gilt es, eine gute Balance zu finden. Dabei und bei der Recherche hilft mir mein journalistischer Hintergrund. Für meine Bücher sichte ist meist tTausende Seiten Material. Das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen – das fällt mir dank meiner Ausbildung leicht.
 

Welche Botschaft aus „Bittere Schokolade“ liegt Ihnen besonders am Herzen? 
Es gibt viele Aspekte, die man an der Produktion von Schokolade kritisieren kann. Aber was aus meiner Sicht im 21. Jahrhundert nicht mehr sein darf, ist, dass wir Lebensmittel konsumieren, die von Kindersklaven hergestellt worden sind. Bei Schokolade ist das in einem erheblichen Umfang leider der Fall. Das ist Barbarei. Gerade bei einem Produkt, das Kinderherzen höherschlagen lässt. Das muss sich ändern. Eigentlich haben die großen Hersteller genau das vor fast 20 Jahren versprochen – mit einem überschaubaren Ergebnis. 

Neben erfolgreichen Krimis zählen auch Sachbücher, historische Romane und Science-Fiction-Werke zu Ihrem Repertoire. Woran arbeiten Sie gerade? 
An einem Science-Fiction-Roman. Wenn man eine Serie schreibt, ist es ganz gut, sich zwischendurch vom Thema zu lösen, etwas komplett anderes zu machen. Ansonsten fangen die Figuren irgendwann an, einen zu nerven. 

Was braucht ein Autor, um erfolgreich zu sein?
Vor allem eine Tür, die er schließen kann. Einen Ablauf, der möglichst immer gleich ist. Und ansonsten Leerlauf, auch wenn das manchmal schwerfällt. Natürlich muss man lesen, sich etwas anschauen, mit Menschen sprechen und soziale Medien nutzen, aber man muss auch einfach mal eine Stunde lang unmotiviert durch die Gegend laufen und in die Luft starren. Dabei kommen – zumindest mir – die besten Ideen.

Haben Sie ein bestimmtes kulinarisches Ritual, während Sie an einem Buch arbeiten?
Wahrscheinlich ist das mein wahres Erfolgsgeheimnis (lacht). Ich arbeite nicht zu Hause, sondern im Souterrain eines Bürogebäudes. Dort gibt es nichts zu essen – kein Obst, keine Nüsse, keine Schokolade. Ich habe lediglich grünen Tee. Und ich gehe erst raus, wenn ich 10.000 Zeichen geschrieben habe. Das dauert je nach Tagesform unterschiedlich lange. Aber Hunger ist ein wahnsinnig guter Motivator. Für die Xavier-Kieffer-Reihe mache ich auch Essrecherchen. Und dann esse ich wirklich viel. Einmal war ich drei Tage zur Recherche in Bologna, da habe ich alles in mich reingeschaufelt, was irgendwie ging. Danach war ich bestimmt sechs Kilo schwerer. Und auch jetzt für das Buch habe ich unfassbar viel Schokolade gegessen. 

Haben Sie dabei Ihre persönliche Lieblingsschokolade entdeckt?
Ich habe mir bei einem Spezialitätenversand etwa 70 verschiedene Tafeln bestellt und dabei ein paar ganz tolle Schokoladen gefunden. Duffy’s Vollmilch mit Meersalz war zum Beispiel sensationell. Duffy’s ist eine ganz kleine Schokoladenmanufaktur in Südengland, die Kakaobohnen von einer einzigen Plantage nutzt und die Schokolade in Handarbeit herstellt. Das Problem ist: Die Lieblingsschokolade ist im nächsten Jahr vermutlich ausverkauft, denn die Firma stellt nur sehr kleine Chargen her. Wenn man wirklich möchte, ist es aber nicht schwer, gute und ethisch korrekte Schokolade zu kaufen. Es ist nur teuer, und die Auswahl ist nicht so groß. Deshalb wird das Massenprodukt Schokolade wohl bleiben, und genau da liegt das Problem. 

Was war die teuerste Tafel, die Sie sich für die Recherche gegönnt haben?
Die teuerste Tafel war eine preisgekrönte Schokolade von einer kleinen Plantage aus Grenada. 100 Gramm kosten etwa 18 Euro. Im Supermarkt bekommen Sie dafür über 30 Tafeln der günstigsten Marke. Aber ich kann nur jedem raten, mal so eine teure Schokolade zu probieren. Danach möchte man die andere gar nicht mehr essen. Das ist ein bisschen so, als hätte man jahrelang den Rotwein aus dem Tetra Pak vom Discounter getrunken und bekäme dann einen echten Bordeaux serviert. 

Bleiben wir beim Geschmack. Haben Sie sich schon mal an Kölsche Spezialitäten wie Himmel und Ääd gewagt? 
Ich probiere mit Ausnahme von Insekten wirklich alles und habe schon viele Kkölsche Gerichte gegessen. Was ich in Köln super finde – und das haben die Menschen in Berlin und Hamburg bis heute noch nicht verstanden –, dass es mehr als drei Mahlzeiten gibt. Manchmal möchte man einfach nur nett beisammensitzen und braucht zu seinem Bier eine Kleinigkeit zu beißen. Der Bayer würde sagen „ein Schmankerl“. Die Kölner können das super. Das ist für mich ein Ausdruck von Lebenskultur. 

Welche drei Begriffe fallen Ihnen spontan zu Köln ein?
Kölsch ist wohl unvermeidlich. Zu viel Beton und wahnsinnig locker. Das muss man erst mal können. Sich bei so viel Beton eine so gute Laune zu bewahren, das können wahrscheinlich nur Kölner. Aber oft ist es ja so: Wenn eine Stadt nur schön ist, ist sie auch ein bisschen langweilig. 

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