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Wer steckt hinter der Bartholomäus-Schink-Straße?

Wer beim Spaziergang vor der eigenen Haustür die Augen offenhält, findet so manchen Namen auf Straßenschildern, dem er vorher noch nicht begegnet ist. Welche spannenden Geschichten und herausragenden Persönlichkeiten dahinterstecken, erfahren die Leser von meinkoelnbonn.de in der neuen Reihe „Wer steckt eigentlich hinter ...?“. Zum Auftakt geht es nach Köln-Ehrenfeld.

adobestock-babayuka/Creative DuMont Rheinland
Sarah Luisa Görtz
Zum Auftakt geht es nach Köln-Ehrenfeld.
Sarah Luisa Görtz
Ein Teil der Hüttenstraße wurde 1986 nach Bartholomäus Schink benannt.
Sarah Luisa Görtz
An der Venloer Straße Ecke Schönsteinstraße erinnert ein Graffiti an die Edelweißpiraten. Das Künstlerkollektiv Captain Borderline hat Barthel Schink und den Edelweißpiraten dort ein Denkmal gesetzt.
Sarah Luisa Görtz
2003 wurde eine Bronzetafel zum Gedenken an die Ermordeten angebracht.
Sarah Luisa Görtz
An den Wänden der Straßenunterführung stehen die Namen der Opfer inmitten von Edelweißblüten.

Angekommen am Bahnhof des früheren Arbeiter- und Industrieviertels im Westen der Stadt, an bunten Graffitis und klapprigen Fahrrädern vorbei nach draußen: auf die Bartholomäus-Schink-Straße. Wie oft laufen die Kölner hier entlang – ob auf dem Weg zu einem Feierabendbier im „Bumann und Sohn“ oder zur nächsten Party im „Club Bahnhof Ehrenfeld“? Die wenigsten machen sich wahrscheinlich dabei Gedanken darüber, wer eigentlich dieser Bartholomäus Schink war. Was hat er getan oder geleistet, dass nach ihm eine Straße benannt wurde?

Edelweißpirat oder nicht?

Bartholomäus Schink wurde 1927 in Köln-Ehrenfeld geboren. Sein Vater war Schaffner bei der Reichspost und wurde 1943 zur Wehrmacht eingezogen. Daraufhin musste seine Mutter ihn und seine vier Geschwister allein durchbringen. Nach der Volksschule begann Barthel, wie er von allen genannt wurde, eine Dachdeckerlehre. Im Juni 1944 lernte er im Bunker an der Körnerstraße den gleichaltrigen Franz Rheinberger kennen.

Bartholomäus Schink

Barthel wurde von den Nationalsozialisten gehängt. Nach dem Krieg als Krimineller abgestempelt, wird er heute von vielen als Widerstandskämpfer gefeiert.

Bild: Mario Klenner

Barthel war eins von fünf Kindern einer Arbeiterfamilie aus Köln-Ehrenfeld.

 

1944:
Im Juni lernt er Franz Rheinberger kennen. Dieser nimmt ihn mit zu Treffen der Edelweißpiraten.

1944:
Zusammen mit zwölf weiteren Personen wird Barthel am 10. November hingerichtet. Er war 16 Jahre alt.

1984:
Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrt Bartholomäus Schink als Gerechten unter den Völkern.

2005:
Der damalige Regierungspräsident von Köln, Jürgen Roters, erkennt den Jugendlichen als politischen Widerstandskämpfer an.

Dieser trug ein Edelweißabzeichen am Hut. Es galt damals als Erkennungsmerkmal für Jugendgruppen, die nicht zur Hitlerjugend gehören wollten. Sie kleideten sich anders, hörten andere Musik und unternahmen gemeinsame Freizeitfahrten ins Kölner Umland. Bisweilen kam es zwischen der Hitlerjugend und den anderen Gruppen sogar zu Straßenschlachten. Die bekanntesten „Navajos“, wie sie von den Nationalsozialisten genannt wurden, waren in Köln die „Edelweißpiraten“. Ihre Geschichte wurde 2004 sogar verfilmt. Sie sollen geflohene Kriegsgefangene und Juden versteckt und mit Lebensmitteln versorgt haben. Außerdem machten sie mit Flugblättern auf sich aufmerksam: „So braun wie Scheiße, so braun ist Köln. Wacht endlich auf!“ Ob Barthel bei diesen Aktivitäten mitmachte, ist unklar. Bekannt ist, dass Franz Rheinberger ihn zu deren Treffen am „Ehrenfelder Loch“ im Inneren Grüngürtel mitnahm. Dort sangen sie verbotene Lieder, Bartehl begleitete ihn mit seiner Gitarre.
Außerdem stand Barthel mit Hans Steinbrück in Verbindung. Der geflüchtete ehemalige KZ-Häftling scharte viele Jugendliche um sich. Sie suchten in dem 24-Jährigen wohl ein Vorbild. Schließlich fehlten fast allen die Väter. Die Gruppe verübte Diebstähle, besorgte Waffen und Sprengstoff.

Getötet im Namen des Nationalsozialismus

Am 1. Oktober 1944 wurde Barthel von Hans ebenso wie sechs weitere Jugendliche in den Befreiungsversuch seiner Freundin Cilly Serve verwickelt, die von der Gestapo verhaftet worden war. Es artete aus in eine wilde Schießerei, mehrere Menschen starben. Die Jugendlichen tauchten zunächst unter. Doch die Gestapo unter der Führung von Ferdinand Kütter verhaftete sie nur drei Tage später. Bis zum 10. November wurden sie in Brauweiler eingesperrt und unter Folter zu Aussagen gezwungen. Ihnen wurde vorgeworfen, Ortsgruppenleiter Heinrich Soentgen, einen Polizeibeamten, einen Hitlerjugend-Streifenführer, einen SA-Mann und einen Wächter umgebracht zu haben. Außerdem sollten sie versucht haben, im Fort X Sprengstoff zu stehlen.

 

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Am 10. November 1944 wurde Bartholomäus Schink mit zwölf weiteren Personen in der Hüttenstraße in Köln-Ehrenfeld hingerichtet – ohne vorherige Anklage und ohne Urteil. Dieser Teil der Hüttenstraße heißt heute Bartholomäus-Schink-Straße. Seit dem 9. November 2003 erinnert in Köln-Ehrenfeld zudem eine Gedenktafel an die Getöteten.

Vom Kriminellen zum Helden – Gerechter unter den Völkern

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die „Steinbrück-Gruppe“ ebenso wie die „Edelweißpiraten“ als Verbrechter oder entgleiste kriminelle Jugendliche stigmatisiert. In den 1980er-Jahren kehrte sich die Sichtweise der Öffentlichkeit in das Gegenteil: 1984 würdigte die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie dokumentiert, Barthel als Gerechten unter den Völkern. Dieser Ehrentitel wird Nichtjuden zuerkannt, die sich unter dem Einsatz ihres Lebens für Juden während des Zweiten Weltkrieges einsetzten, um sie zu retten. Die Auszeichnung ist nicht unumstritten. Denn Nachweise, dass Barthel Juden half, gibt es nicht. Akten belegen lediglich, dass sich Verfolgte für wenige Tage in der Schönsteinstraße in Köln-Ehrenfeld verstecken konnten. Dort hatte sich auch Barthel einst aufgehalten.

Sarah Luisa Görtz
Wenn nicht wegen der Corona-Pandemie Bars und Clubs geschlossen sind, feiern die Kölner heutzutage in der Bartholomäus-Schink-Straße. Dort liegt etwa der „Club Bahnhof Ehrenfeld“.
Sarah Luisa Görtz
Auch die Bar „Bumann und Sohn“ befindet sich in der nach dem Jugendlichen benannten Straße.
Stecher-Breckner
Das Edelweißpiraten-Festival findet jährlich im Sommer statt und erinnert an die unangepasste Jugendgruppe.

2005 wurde der Jugendliche als politischer Widerstandskämpfer durch den damaligen Kölner Regierungspräsidenten Jürgen Roters anerkannt. Mehrere historische Gutachten stellen Barthels Widerstand gegen den Nationalsozialismus allerdings in Frage. Doch ob Widerstandskämpfer oder nicht – Barthel war das Opfer einer Diktatur. Er wurde ohne Anklage und ohne Urteil von einem Unrechtsregime gehängt. Er war 16 Jahre alt.

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